Emotionen, die überkochen. Menschen, die verzweifelt weinen, während ihre Blicke dem runden Leder folgen, wie es im gegnerischen Tor verschwindet. Fußball bewegt. Jung und Alt blickten dieser Tage in die Vereinigten Staaten und fieberten mit den Finalmannschaften bis zur letzten Minute mit. Doch nicht nur auf den Rängen der überdimensionalen amerikanischen Stadien gingen die Emotionen hoch. Auch das Netz war und ist – wie so oft – voll davon. Und einmal mehr zeigt sich, wie nah Freude und Hass gerade in virtuellen Welten beieinanderliegen. Während die einen als Volkshelden gefeiert werden, sollen die anderen ihr Leben doch bitte schnellstmöglich beenden. Ja, richtig gelesen: Selbst Aufforderungen zum Suizid finden sich unter den Hashtags rund um den FIFA World Cup.

Was schwer zu glauben ist, ist bittere Realität: eine völlige Enthemmung, die im Netz stattfindet. Losgelöst von jeder Rücksichtnahme, eigenen Gesetzen folgend, die nie geschrieben wurden. Und genau darin liegt wohl der Konstruktionsfehler der virtuellen Welt: Es gibt sie nur unzureichend, die Regeln und Normen, die sich über unser aller virtuelles Selbst erstrecken. Wo wir im echten Leben zumindest meist darum wissen, was ein gelingendes Miteinander von uns verlangt, fehlen solche Benimmregeln im digitalen Raum oft zur Gänze. Mehr noch: Es treten enthemmte Versionen unserer selbst zutage, die besser unter Verschluss geblieben wären. Die Psychologie kennt dafür längst einen Namen – den Online-Enthemmungseffekt. Anonymität, körperliche Distanz und ein Gegenüber, dessen Gesicht wir nie sehen, lassen Hemmschwellen fallen, die uns von Angesicht zu Angesicht wie selbstverständlich schützen. Hasstiraden, Beschimpfungen, Beleidigungen und Drohungen sind die Folge.
Dabei zeigt uns gerade diese Weltmeisterschaft auch das Gegenteil. Kaum eine andere Sportart bündelt so viel Leidenschaft rund um den Erdball. Diese Fähigkeit, Menschen über alle Grenzen hinweg zu verbinden, ist es, wofür der Fußball stehen sollte. Fair Play, das anhaltend mit ins Netz genommen werden muss.
Über mich

Als Psychologin arbeite ich in den Bereichen der Klinischen, Sport- und der Arbeitspsychologie. Meine psychologische Praxis befindet sich in Tirols Hauptstadt Innsbruck. In meiner psychologischen Arbeit setze ich mich vermehrt mit dem Gebrauch digitaler und sozialer Medien auseinander und schenke modernen Kommunnikationstechnologien große Beachtung. Dem Thema Demenz widme ich mich nicht zuletzt aufgrund persönlicher Betroffenheit als Angehörige. Solltet ihr noch Fragen haben kontaktiert mich gerne
