Dass der Psyche heute so viel Aufmerksamkeit zuteilwird, ist ein enormer Fortschritt. Endlich sprechen wir offener über psychische Symptome und Diagnosen und können Belastungen beim Namen nennen. So wird die Psyche auch im Gesundheitssystem sichtbarer, auch wenn psychologische Behandlung noch immer viel zu oft eine Frage des Geldes ist.

Denn Körper und Psyche hängen untrennbar zusammen. Geht es uns psychisch gut, geht es uns meist auch körperlich besser, und umgekehrt. Auch unsere Gedanken spielen dabei eine enorme Rolle. Zahlreiche psychologische und therapeutische Methoden können helfen, Belastungen spürbar zu verringern.
Doch genau dort, wo Aufklärung wirkt, beginnt auch ihre Kehrseite. Je selbstverständlicher wir über psychische Erkrankungen sprechen, desto selbstverständlicher wandern ihre Begriffe in unseren Alltag. Wer einen schlechten Tag hat, ist „depressiv“. Wer sich schwer konzentriert, hat „ADHS“. Wer nervös wird, leidet unter „Panikattacken“.
Verstärkt wird diese Alltagssprache im Paralleluniversum des Internets. Influencer und Betroffene schildern dort ihre Symptome, oft offen und mutig, aber eben aus ihrer eigenen Geschichte heraus. Ob ADHS, Traumafolge- oder Panikstörung: Wer sich in einem Social-Media-Video wiedererkennt, identifiziert sich schnell damit. Und wenn sich alles benennen und kategorisieren lässt, ordnet man sich oft rasch selbst zu, noch bevor Fachleute es tun.
Ganz harmlos ist dieses vorschnelle Etikett nicht. Es kann das eigene Leid verstärken, den Blick auf das Defizit lenken und wenig Raum für Veränderung lassen. Es kann eigentliche Ursachen verdecken, Ressourcen binden und passende Hilfe sogar verhindern. Deshalb braucht es auch hier Aufklärung: nicht nur über die Psyche selbst, sondern auch darüber, wie sie fachgerecht erfasst wird.
Über mich

Als Psychologin arbeite ich in den Bereichen der Klinischen, Sport- und der Arbeitspsychologie. Meine psychologische Praxis befindet sich in Tirols Hauptstadt Innsbruck. In meiner psychologischen Arbeit setze ich mich vermehrt mit dem Gebrauch digitaler und sozialer Medien auseinander und schenke modernen Kommunnikationstechnologien große Beachtung. Dem Thema Demenz widme ich mich nicht zuletzt aufgrund persönlicher Betroffenheit als Angehörige. Solltet ihr Fragen haben kontaktiert mich gerne.
